Ikarus 55

Ikarus 55: Der legendäre „Faros“-Bus aus Ungarn

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Quelle: Christo, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Der Ikarus 55 ist einer dieser Busse, die man nicht einfach nur als Fahrzeug beschreiben kann. Er war Reisebus, Exporterfolg, technisches Experiment, Designstatement und später ein echtes Kultobjekt. Seine Silhouette ist sofort erkennbar: vorne elegant und rund, seitlich langgezogen, hinten mit einem auffälligen Motorgehäuse, das ihm in Ungarn den Spitznamen „Faros“ einbrachte – sinngemäß: der Bus mit dem markanten Heck.

Genau dieses Heck macht den Ikarus 55 bis heute unverwechselbar. Was damals eine mutige technische Lösung war, wirkt heute fast wie eine Designsignatur. Kein Wunder, dass der Ikarus 55 bei Oldtimer-Fans, Busliebhabern und Freunden ungarischer Technikgeschichte einen besonderen Platz hat.

Die Vorgeschichte: Warum Ikarus einen neuen Bus brauchte

In den frühen 1950er-Jahren stand die ungarische Fahrzeugindustrie vor einer großen Aufgabe. Der Bedarf an modernen Bussen war hoch, sowohl im Inland als auch in den sozialistischen Exportmärkten. Gleichzeitig waren die technischen Möglichkeiten begrenzt. Klassische Busse mit separatem Fahrgestell und Frontmotor hatten Nachteile: Der Motor war laut, nahm im vorderen Bereich viel Platz weg und erschwerte eine moderne Raumaufteilung.

Bei Ikarus setzte sich deshalb die Idee durch, einen Bus mit selbsttragender Karosserie und Heckmotor zu entwickeln. Das war mutig, denn es widersprach dem damals verbreiteten Denken. Der Motor sollte aus dem vorderen Bereich verschwinden, der Innenraum besser nutzbar werden, und das Fahrzeug sollte moderner, komfortabler und leistungsfähiger wirken.

Eine zentrale Rolle spielte dabei der damalige Ikarus-Chefingenieur Béla Zerkovitz. Er und sein Team trieben die Entwicklung gegen Widerstände voran. Der neue Bus sollte nicht nur praktisch sein, sondern auch zeigen, dass Ikarus technisch und gestalterisch international mithalten konnte.

Vom Prototyp zur Ikone

Die ersten Versuche führten zunächst zum Ikarus 66, dem Stadtbus-Brudermodell des späteren Ikarus 55. Schon 1952 entstand ein Prototyp, allerdings noch ohne das später so berühmte Heck. 1953 folgte dann ein weiterer Prototyp, der bereits die klassische Heckform zeigte. Diese Form sollte das Bild des Ikarus 55 dauerhaft prägen.

Das Design stammte aus einer Zeit, in der Fahrzeuge oft optimistisch und beinahe futuristisch wirken sollten. Panoramafenster, Dachrandverglasung, kleine Flossen, runde Formen und ein langgestreckter Aufbau gaben dem Bus eine elegante, fast aerodynamische Erscheinung. Er wirkte weniger wie ein nüchternes Nutzfahrzeug und mehr wie ein Reisefahrzeug der Zukunft.

1954 wurde der Ikarus 55 international präsentiert, unter anderem in Genf und Paris. Dort erregte er viel Aufmerksamkeit.

Der „Faros“: Technik mit Charakter

Das auffälligste Merkmal des Ikarus 55 war sein Heckmotor. Der wassergekühlte Sechszylinder-Dieselmotor Csepel D-614 saß am hinteren Ende des Fahrzeugs. Er leistete rund 145 PS und hatte einen Hubraum von etwa 8,3 Litern. Für die damalige Zeit war das eine solide und robuste Lösung.

Das Heck mit zwei großen seitlich angeschlagenen Klapptüren zum Motorraum; Quelle: Von MartinHansV – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9866097

Die Anordnung des Motors brachte Vorteile: Der vordere Bereich konnte freier gestaltet werden, der Fahrer saß nicht direkt neben einer lauten Motorhaube, und der Innenraum wirkte moderner. Gleichzeitig war die Wartung über große Heckklappen vergleichsweise gut möglich.

Natürlich hatte diese Lösung auch ihren Preis. Der Bus war laut, schwer und technisch anspruchsvoll. Aber gerade diese Mischung aus Fortschritt, Eigenwilligkeit und Charakter machte ihn später so beliebt. In Ungarn wurde er liebevoll „Faros“ oder auch „Bözsi“ genannt. In der DDR kannte man ihn wegen seiner Form und seines Geräuschs unter Spitznamen wie „Zigarre“, „Rakete“ oder „Staubsauger“.

Komfort auf langen Strecken

Der Ikarus 55 war vor allem als Reise- und Überlandbus gedacht. Je nach Ausführung bot er rund 32 bis 45 Sitzplätze. Die Länge lag bei etwa 11,4 Metern, die Breite bei 2,5 Metern. Für damalige Verhältnisse war der Bus komfortabel: große Fensterflächen, helle Innenräume, teilweise Dachrandverglasung und je nach Ausführung auch luxuriösere Sitze machten ihn zu einem beliebten Fernreisebus.

Besonders bekannt wurde auch die Variante Ikarus Lux. Sie war komfortabler ausgestattet und hatte oft ein markantes Zusatzlicht oberhalb der Frontscheibe. In vielen Ländern galt dieser Bus als moderner und angenehmer als manche heimischen Modelle jener Zeit.

Ein Detail aus der Produktionsgeschichte ist besonders kurios: Obwohl der Ikarus 55 international gut ankam, lief die Serienproduktion anfangs nur langsam. Ein Grund war, dass die Fahrzeuge präzise und aufwendig gebaut wurden. Gleichzeitig musste Ikarus zeitweise auch Konsumgüter produzieren – unter anderem zehntausende Kinderwagen. Für eine Busfabrik klingt das heute fast absurd, zeigt aber gut, in welchem wirtschaftlichen Umfeld dieses Fahrzeug entstand.

Exporterfolg im Osten Europas

Der Ikarus 55 wurde zwischen den 1950er- und frühen 1970er-Jahren gebaut und in viele Länder exportiert. Insgesamt entstanden mehrere tausend Fahrzeuge. Besonders wichtig waren die Sowjetunion und die DDR.

In die Sowjetunion gingen mehrere tausend Exemplare. Dort wurde der Ikarus 55 beziehungsweise der Ikarus Lux auf vielen Fernstrecken eingesetzt und prägte über Jahre das Bild des Reiseverkehrs. Auch in Städten wie Moskau, Leningrad, Riga oder Tallinn waren diese Busse bekannt.

Die DDR war ebenfalls ein wichtiger Markt. Dort wurden Ikarus 55 und Ikarus 66 in großer Stückzahl eingesetzt. Viele Fahrzeuge blieben sehr lange im Dienst und wurden teilweise mehrfach überholt oder technisch angepasst. In der DDR wurden sie zu echten Alltagsikonen: Man kannte sie von Überlandlinien, Reisen, Ausflügen und Betriebstransporten.

Auch Länder wie die Tschechoslowakei, Rumänien, Bulgarien, Polen, Griechenland, China, Ägypten, Jugoslawien und Kuba erhielten Fahrzeuge oder Vorführmodelle. Der Ikarus 55 war damit nicht nur ein ungarischer Bus, sondern ein international sichtbares Produkt der osteuropäischen Fahrzeugindustrie.

Design: Warum der Ikarus 55 bis heute auffällt

Viele historische Busse sind technisch interessant, aber optisch eher zurückhaltend. Der Ikarus 55 ist anders. Er hat eine Form, die man sich merkt.

Seine lange Seitenlinie, die großen Fenster, die runde Front und vor allem das weit herausgezogene Heck machen ihn fast skulptural. Der Motorraum wirkt nicht wie ein notwendiges Bauteil, sondern wie ein bewusst gesetztes Designelement. Genau deshalb eignet sich der Ikarus 55 heute so gut für Illustrationen, Poster und T-Shirt-Designs.

Er ist ein Fahrzeug mit Humor, aber ohne billig zu wirken. Elegant, eigenwillig, sympathisch – und mit ziemlich großer Persönlichkeit.

Der lange Abschied aus dem Alltag

Wie viele Nutzfahrzeuge wurde auch der Ikarus 55 nicht plötzlich zum Klassiker. Zuerst war er einfach ein Arbeitsgerät. Er musste Kilometer machen, Menschen transportieren und funktionieren. Erst als modernere Ikarus-Modelle wie die 250er- und 256er-Baureihen kamen, verschwand der 55er langsam aus dem regulären Betrieb.

In Ungarn fuhren viele Fahrzeuge bis in die 1970er- und teilweise frühen 1980er-Jahre. In der DDR hielten sich einzelne Exemplare besonders lange. Manche wurden noch bis Ende der 1980er oder sogar Anfang der 1990er-Jahre genutzt, etwa im privaten oder betrieblichen Einsatz.

Danach begann für viele Fahrzeuge ein schwieriges zweites Leben: Abgestellt, umgebaut, ausgeschlachtet oder vergessen. Gerade bei einem Bus ist die Erhaltung aufwendig. Ein Ikarus 55 ist groß, schwer, rostempfindlich und braucht viel Platz. Eine Restaurierung bedeutet nicht ein bisschen Schrauben am Wochenende, sondern oft jahrelange Arbeit mit viel Spezialwissen.

Erhaltene Fahrzeuge: Wo kann man den Ikarus 55 heute noch sehen?

Heute sind nur noch vergleichsweise wenige Ikarus 55 erhalten. Manche stehen in Museen, andere gehören privaten Sammlern oder Verkehrsunternehmen. Besonders bekannt sind restaurierte Fahrzeuge in Ungarn, Deutschland, Estland und Russland. In Estland sollen mehrere Ikarus 55 Lux erhalten und teilweise fahrbereit sein. Auch in Moskau und Sankt Petersburg gibt es museal erhaltene beziehungsweise restaurierte Exemplare.

In Deutschland tauchen Ikarus 55 bei Oldtimerveranstaltungen, historischen Verkehrstagen oder in Sammlungen immer wieder auf. Wegen der starken DDR-Geschichte des Fahrzeugs ist das Interesse dort besonders groß. Viele der heute restaurierten ungarischen Fahrzeuge wurden außerdem aus dem Gebiet der ehemaligen DDR zurückgeholt.

Wer einen Ikarus 55 heute live sehen möchte, sollte gezielt nach historischen Busveranstaltungen, Oldtimer-Bustreffen, Verkehrsmuseen und Ikarus-Sammlungen suchen. Da die Fahrzeuge selten sind und nicht immer öffentlich zugänglich stehen, lohnt sich vor einem Besuch immer eine aktuelle Recherche.

Warum der Ikarus 55 Kult wurde

Der Ikarus 55 wurde nicht nur wegen seiner Technik berühmt. Er wurde Kult, weil er mehrere Dinge gleichzeitig verkörpert: ungarische Ingenieurskunst, Nachkriegsoptimismus, osteuropäische Reisegeschichte und ein Design, das bis heute funktioniert.

Er war modern, obwohl er unter schwierigen Bedingungen entstand. Er war praktisch, obwohl er fast extravagant aussah. Und er war robust genug, um in vielen Ländern über Jahrzehnte im Einsatz zu bleiben.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum er heute noch so sympathisch wirkt. Der Ikarus 55 ist kein perfekter, glatter Klassiker. Er ist laut, groß, auffällig und ein bisschen eigensinnig. Aber gerade deshalb bleibt er im Gedächtnis.

Oder anders gesagt: Der Ikarus 55 ist wirklich „the bus with a big personality“.

Quellen

Das Design