Bengáli

FVV CSM-2 „Bengáli“ – Budapests selbstgebaute Kult-Straßenbahn

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Wer heute in Budapest einen cremefarbenen, dunkelroten Gelenkwagen durch die Straßen rumpeln sieht, entdeckt keine gewöhnliche historische Straßenbahn. Der FVV CSM-2, besser bekannt als „Bengáli“, entstand aus Geldmangel, Improvisation und erstaunlich viel Eigeninitiative. Was ursprünglich nur eine Übergangslösung sein sollte, entwickelte sich zu einem der charakteristischsten ungarischen Straßenbahnwagen überhaupt.

Und mit etwas Glück kann man ihn noch immer dort erleben, wo seine Geschichte begann.

Budapest braucht größere Straßenbahnen

Anfang der 1960er-Jahre stand der öffentliche Verkehr der ungarischen Hauptstadt vor einem Problem. Budapest benötigte dringend Straßenbahnen mit hoher Kapazität, moderne Gelenkwagen waren jedoch teuer und nicht kurzfristig verfügbar. Die Fővárosi Villamosvasút, kurz FVV, suchte daher nach einer eigenen Lösung.

Diese entstand nicht bei einem großen Fahrzeughersteller, sondern praktisch im eigenen Haus. In der Füzesi Árpád Főműhely in Budapest wurde ein Gelenkwagen entwickelt, dessen äußere Gestaltung auf eine Diplomarbeit des später bekannten Industrieformgestalters István Lengyel zurückging.

Am 20. September 1961 verließ schließlich der erste Wagen die Hauptwerkstätte. Er trug zunächst die Nummern 3720/3721, später nur noch 3720. Aus diesem Prototyp entwickelte sich die CSM-2-Serie.

Interessanterweise sollte das Fahrzeug auf dem Papier als Umbau zweier älterer Straßenbahnwagen entstehen. Deren Fahrgestelle waren allerdings in so schlechtem Zustand, dass letztlich neue Rahmen gefertigt werden mussten. Die vermeintliche Modernisierung alter Wagen war damit in erheblichem Umfang ein Neubau.

Drei Teile, vier Achsen – und eine ungewöhnliche Konstruktion

Der Bengáli sah moderner aus, als seine Technik tatsächlich war. Zwei zweiachsige Wagenteile trugen einen dazwischen aufgehängten Mittelteil. Ein eigenes Drehgestell unter diesem Abschnitt gab es nicht.

Nur zwei der insgesamt vier Achsen wurden angetrieben. Entsprechend gemächlich beschleunigte der große Gelenkwagen. Die später erhaltenen CSM-2 in Miskolc besitzen zwei Motoren mit zusammen rund 117,6 kW. Bei einer zulässigen Höchstgeschwindigkeit von ungefähr 40 km/h war sportliches Fahren ohnehin nicht seine Paradedisziplin.

Dafür bot die Konstruktion viel Platz. Ein erhaltenes Miskolcer Exemplar ist rund 21,7 Meter lang, 2,31 Meter breit und für 149 Fahrgäste ausgelegt.

Die ursprüngliche Budapester Ausführung war besonders eigenwillig: Sie besaß nur einen Führerstand und Türen ausschließlich auf der rechten Seite. Wenden konnte der Wagen deshalb nur dort, wo eine geeignete Gleisschleife vorhanden war. Genau diese Entscheidung schränkte seine Einsatzmöglichkeiten später erheblich ein.

Warum heißt eine ungarische Straßenbahn „Bengáli“?

Beim Spitznamen wird es besonders schön, denn selbst in Ungarn existieren mehrere Erklärungen.

Eine verbreitete Geschichte führt den Namen auf das charakteristische Knurren der Motoren und die behäbige Bewegung zurück. Der Wagen habe an einen Bengalischen Tiger erinnert. Andere Quellen sehen einen Zusammenhang mit der ungewöhnlichen ursprünglichen Lackierung oder dem ungarischen Wort „benga“, das etwas ausgesprochen Großes und Schwerfälliges bezeichnen kann.

Welche Version stimmt, lässt sich heute kaum eindeutig entscheiden. Zum Fahrzeug passen eigentlich alle drei.

Aus dem nüchternen FVV-Gelenkwagen wurde jedenfalls der Bengáli – ein Name, der wesentlich besser zu seinem Charakter passt als eine Typenbezeichnung aus Buchstaben und Zahlen.

Modern und veraltet zugleich

So improvisiert die Konstruktion war, brachte sie durchaus interessante Neuerungen mit.

Der erste 3720 erhielt beispielsweise einen glatten Gummiboden anstelle des damals verbreiteten Lattenbodens. In zeitgenössischen Filmberichten wurde sogar darauf hingewiesen, dass Damen dadurch mit hohen Absätzen bequemer im Wagen gehen konnten. Außerdem kamen unter anderem Leuchtstoffröhren, Lautsprecher zur Fahrgastinformation und ein eigener Sitzplatz für den Schaffner zum Einsatz.

Unter der schicken Hülle arbeitete dagegen Technik, die bereits bei der Einführung nicht mehr wirklich modern war.

Genau darin liegt ein großer Teil des heutigen Charmes: Der Bengáli sieht nach optimistischer Technik der 1960er-Jahre aus, während seine Konstruktion teilweise wesentlich konservativer war.

Aus der Notlösung wird eine ganze Fahrzeugfamilie

Nach dem Prototyp folgte die Serienfertigung. 1962 und 1963 entstanden die einseitigen CSM-2, anschließend wurden verbesserte Varianten entwickelt. Mit CSM-3 und schließlich CSM-4 kamen Zweirichtungsfahrzeuge mit Führerständen an beiden Enden und Türen auf beiden Seiten hinzu.

Die Fertigung blieb nicht in Budapest. Sie wanderte schrittweise nach Debrecen, wo weitere Wagen gebaut wurden. Insgesamt entstanden zwischen 1961 und 1978 181 Bengáli verschiedener Ausführungen.

Damit wurde ausgerechnet jene Straßenbahn, die ursprünglich als kurzfristige Antwort auf einen Fahrzeugmangel gedacht war, zu einer festen Größe im ungarischen Nahverkehr.

Neben Budapest prägten die Gelenkwagen vor allem Debrecen, Miskolc und Szeged. Während sie in der Hauptstadt vergleichsweise früh verschwanden, hielten sie sich außerhalb Budapests erstaunlich lange. Miskolc verabschiedete seine letzten regulären Exemplare 2004, Szeged 2011 und Debrecen sogar erst 2014.

Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Bau des ersten Wagens endete damit der planmäßige Einsatz der Fahrzeugfamilie.

Der 3720 verschwindet – und kommt zurück

Dem Ur-Bengáli blieb das Schicksal vieler alter Straßenbahnen erspart.

1975 erhielt der 3720 die neue Wagennummer 1100, 1980 endete sein regulärer Einsatz. Danach wurde er zunächst im Depot Újpest aufbewahrt. 1989 kam das Fahrzeug nach Szentendre und fünf Jahre später nach Miskolc, wo eine Restaurierung geplant war.

Das Projekt zog sich allerdings hin.

2004 kaufte die BKV den historischen Wagen zurück. Schließlich begann eine umfassende Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands. Sogar seine alte Nummer 3720 kehrte zurück.

Seit 2018 gehört der Wagen zur Budapester Nostalgieflotte. Aufgrund seiner einseitigen Türen und des einzigen Führerstandes kann er allerdings nicht beliebig im heutigen Netz eingesetzt werden.

Genau deshalb ist eine Begegnung mit ihm etwas Besonderes.

65 Jahre später wieder durch Budapest

Im September 2026 konnte man den Bengáli tatsächlich wieder auf Budapester Straßen erleben. Am 20. September 2026 setzte die BKK den 3720 auf der Nostalgielinie N18 zwischen Csóka utca und Szent János Kórház ein.

Damit rollte ein Fahrzeug durch Budapest, das fast exakt 65 Jahre zuvor in derselben Stadt entstanden war.

Seine Geschichte wirkt dabei fast wie ein Gegenentwurf zur modernen Fahrzeugentwicklung. Der Bengáli entstand nicht als internationales Großprojekt und auch nicht als technisches Prestigeprodukt. Man hatte ein Verkehrsproblem, zu wenig Geld für eine ideale Lösung und eine eigene Werkstätte voller Menschen, die beschlossen, eben selbst eine Straßenbahn zu bauen.

Perfekt war das Ergebnis nie. Schnell ebenfalls nicht. Besonders langlebig sollte es ursprünglich schon gar nicht sein.

Doch genau diese vermeintliche Zwischenlösung entwickelte sich zu einer ungarischen Straßenbahnlegende.

Heute knurrt der Bengáli nur noch gelegentlich durch Budapest. Wenn er auftaucht, sollte man deshalb genauer hinsehen – denn viel ungarische Verkehrsgeschichte auf einmal bekommt man selten auf vier Achsen zu sehen.

Quellen

Design

Unser Design der Bengáli 3720 findest du hier ›